Image
KI und Medizin

Was Mediziner*innen über KI wissen müssen

08/24/2021 - 11:07

Die Einsatzmöglichkeiten und Potenziale von KI in der Medizin sind vielfältig. Durch Symptom-Checker-Apps kann Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden im Alltag geholfen werden. MRT-Scans, die verschiedene Bilddaten innerhalb eines künstlichen neuronalen Netzwerks verarbeiten, können Krankheiten erkennen und bei der Diagnosefindung unterstützen. Im Interview mit Britta Verlinden (AMBOSS) erklärt Mike Bernd (KI-Campus), warum es für Ärzt*innen wichtig ist, sich mit Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. Zudem stellt er ein passendes Angebot des KI-Campus vor.

Britta Verlinden ist Ärztin und Journalistin und arbeitet im Kommunikationsteam von AMBOSS, einer Plattform zur Wissensvermittlung für Ärzt*innen. Mike Bernd ist Programmmanager (KI-Lernangebote) beim Stifterverband und beim KI-Campus für den Bereich Wettbewerbe und Kuratierung verantwortlich. 

Britta Verlinden: Was wollen Sie mit dem KI-Campus erreichen?

Mike Bernd: Ob es um Medizin, Industrie 4.0 oder Schule und Universität geht – über allem steht das Ziel einer KI-mündigen Gesellschaft. Wir wollen KI-Kompetenzen stärken. Wer sich beispielsweise mit Sprachassistenten wie Alexa oder Siri auseinandersetzt, soll verstehen, was für Prozesse dahinter ablaufen. Es geht uns nicht darum, dass jeder programmieren können muss, sondern dass wir ein grundlegendes Verständnis dafür vermitteln: Was passiert da?

Britta Verlinden: Warum sollten wir Ärzt*innen uns damit auseinandersetzen? 

Mike Bernd: Im Alltag werden Sie ja zunehmend mit der Situation konfrontiert, dass jemand mit dem Handy in der Hand in die Praxis kommt und die eigene Diagnose schon von einem Chatbot zu kennen glaubt. Darauf sollten Sie vorbereitet sein und bestenfalls nicht nur die eine Symptomchecker-App kennen, die in Deutschland entwickelt wurde und am weitesten verbreitet ist.

Britta Verlinden: Neben den Kursformaten bietet der KI-Campus auch eine Online-Community mit Diskussionsforen. Was bewegt Menschen aus dem medizinischen Umfeld außerdem? Warum melden sie sich bei Ihnen an?

Mike Bernd: Ein entscheidender Aspekt ist bei vielen das Bedürfnis, die Algorithmen und einzelnen Anwendungen bewusst und kompetent in ihre Entscheidungsprozesse einzubeziehen, beispielsweise im Rahmen der Diagnostik. Um zu wissen, welche Rolle KI zu spielen hat und welche Rolle ich als Arzt oder Ärztin einnehmen sollte. Und von Studierenden erhalten wir oft die Rückmeldung: „Wir wollen uns mit dem Thema auseinandersetzen, aber im Studium haben wir keine Möglichkeit dazu.” Wir wissen ja, dass es lange dauert, bis etwas im medizinischen Curriculum verankert wird. 

Britta Verlinden:  Im aktuellen AMBOSS-Podcast rät unser Gast Prof. Dr. med. Roland Wiest dazu, die „Sprache der KI” zu lernen. Kann ich das am KI-Campus?

Mike Bernd: Also, an erster Stelle würde ich auf unser Lernangebot Dr. med. KI verweisen. Dort vermitteln wir, wie Künstliche Intelligenz funktioniert und in der Medizin angewendet wird. Der Kurs ist in Zusammenarbeit mit der Charité entstanden und wird geleitet von Kerstin Ritter. Sie ist Professorin für Computational Neuroscience und beschäftigt sich seit Jahren mit Künstlicher Intelligenz in der Medizin. Neben den schon erwähnten Symptomcheckern gibt es ja noch viele, viele weitere Aspekte.

Britta Verlinden: Welche zum Beispiel?

Mike Bernd: In der Bildgebung, insbesondere in der Neuroradiologie, kommt Künstliche Intelligenz sicher am prominentesten zum Einsatz. Aber Algorithmen unterstützen schon lange auch die Entwicklung von Medikamenten und Vakzinen wie etwa den Impfstoffen gegen COVID-19 – darüber sprechen wir in der zweiten Staffel von Dr. med. KI. Oder nehmen Sie die Kardiologie, die Pathologie, die Transplantationsmedizin... 

Britta Verlinden:  ...Anwendungsgebiete, bei denen ich als Ärztin nicht gleich drauf gekommen wäre, dass da schon Künstliche Intelligenz im Einsatz ist. 

Mike Bernd: Genau das wollen wir eben zeigen! In der Folge zur Transplantationsmedizin geht es etwa auch darum, was eigentlich gebraucht wird, um funktionale Algorithmen zu entwickeln – nämlich standardisierte Daten. Manche Datenbanken reichen bis in die 70er-Jahre zurück und werden jetzt standardisiert, um darauf Algorithmen aufzubauen, die dann vorhersagen können, ob zum Beispiel eine Nierentransplantation nötig wird. Angefangen mit dem Anwendungsbeispiel Bildgebung, weil ja auch Professorin Ritter dort ihre Expertise hat, stellen wir uns jetzt immer breiter auf. Nach und nach gehen wir dafür in die einzelnen Fachgebiete und versuchen zunächst einmal, das den jeweiligen Personen und Interessengruppen bewusst zu machen – und es dann zunehmend mit Lernangeboten zu vertiefen.

Britta Verlinden: Was dürfen wir neben dem Charité-Kurs „Dr. med. KI” künftig noch erwarten?

Mike Bernd: Wir haben beispielsweise auch von der Universität Bielefeld ein Medizin-Lernangebot erhalten und eins von der Universität Marburg, bei dem Professor Hirsch – der Chief Scientific Officer von Ada – einen Kurs entwickeln wird. Demnächst werden wir ein allgemeines Lernformat zu Chatbots haben, das die Universität Lübeck entwickelt hat, und dann geht es weiter im Kontext der digitalen Notfallambulanz. Das kommt dann von der Universität Bonn... 

Britta Verlinden: Es lohnt sich offenbar, sich am KI-Campus schon einmal zu registrieren! Als öffentlich geförderte Plattform ist das gesamte Angebot kostenlos und frei zugänglich. Wird das auch über die Projektphase hinaus so bleiben?

Mike Bernd: Ja. In der KI-Strategie der Bundesregierung steht ja, dass wir eine nationale Bildungsressource brauchen, die es ermöglicht, sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven anzunähern. Das ist der KI-Campus – und der wird weiter frei zur Verfügung stehen.

 

Das Interview erschien zuerst im AMBOSS-Blog.