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Blogbeitrag Kreativität

Künstliche Intelligenz in der Kunst: Kann KI kreativ sein?

By Lucas Laux
08/23/2022

Kreativität ist eine Eigenschaft, die uns Menschen auszeichnet und einzigartig macht. Oder? Können etwa auch KI-Systeme kreativ sein? In diesem Beitrag nimmt Lucas Laux eine Einordnung des kreativen Potenzials von KI in den schönen Künsten vor.

In Kunst, Musik, Literatur und Film wird mit KI experimentiert. Die Ergebnisse sind beeindruckend, bedürfen allerdings hinsichtlich ihrer tatsächlichen kreativen Leistung einer näheren Betrachtung.

Das Gemälde „Edmond de Belamy“ wurde nicht von Menschenhand geschaffen. Es basiert auf der Arbeit eines Algorithmus, der für die Bilderzeugung auf 15.000 „echte“ Porträts zurückgriff. Das Pariser Kollektiv „Obvious“ wollte herausbekommen, ob sich auf diesem Wege authentische Porträts hervorbringen lassen. „Edmond de Belamy“ wurde vom Auktionshaus Christie’s für 432.500 US-Dollar versteigert, womit der vorab geschätzte Verkaufspreis fast um das 45-Fache übertroffen wurde (siehe Beitrag bei Christie’s).
 

Belamy

Abbildung 1: „Edmond de Belamy“


Die Software „Deep Dream“ bringt Kunstwerke hervor, die von einem anderen Stern sein könnten. Es wird dabei ein künstliches neuronales Netz genutzt, das eigentlich der automatisierten Bilderkennung dient. „Deep Dream“ kehrt den Prozess um und produziert aus vorhandenem Bildmaterial psychedelisch anmutende Neukombinationen und Remixe. KI-Tools wie „DALL·E 2“ und „Midjourney“ generieren basierend auf einer beliebigen Texteingabe erstaunlich authentische Bilder:
 


In meinem Selbstversuch liefert Midjourney zur Texteingabe „colourful self-portrait of a robot“ als einen von mehreren Vorschlägen dieses faszinierende Ergebnis:
 

Bild generiert durch "Midjourney"

Abbildung 2: Selbstporträt eines Roboters generiert durch das KI-Tool Midjourney"


Auch vor Musik machen die Algorithmen nicht Halt: Mithilfe von KI-Methoden wurde die unvollständige letzte Sinfonie Ludwig van Beethovens anlässlich seines 250. Geburtstags zu Ende komponiert. Die verwendete Software „verlängerte“ die musikalischen Skizzen, die von Beethovens zehnter Symphonie existieren. Auf Basis der ihr zur Verfügung gestellten Daten konnte die KI Beethovens Stil nachahmen. Wie schon in den Fällen der Bildgenerierung ist aber auch bei dieser KI-Komposition das Ergebnis stark abhängig vom Ausgangsmaterial und der Auswahl durch den Menschen (siehe Beitrag bei BR Klassik). Die KI-basierte Software „Piano Genie“ befähigt sogar musikalische Laien dazu, wohlklingende Klavierimprovisationen auf Knopfdruck hervorzubringen.

Texte können ebenfalls mit Unterstützung von KI erstellt werden. Das funktioniert besonders gut für Textformate, die einer festen Struktur mit klar definierten und immer gleich aufgebauten Datensätzen folgen, wie etwa Finanznachrichten, Sport- und Wetterberichte – Anwendungen also, für die tendenziell eher keine Kreativität benötigt wird. Wie sieht es aber mit literarischen oder lyrischen Texten aus? Das folgende KI-generierte Gedicht „Sonnenblicke auf der Flucht“ überzeugte die Fachleute im Gedichtwettbewerb der renommierten Brentano-Gesellschaft und wurde daraufhin – sozusagen versehentlich – in den Jahresband der Literatureinrichtung aufgenommen (siehe Beitrag der FAZ):

Auf der Flucht gezimmert in einer Sommernacht.
Schleier auf dem Mahle. Säumung Nahrung, dieses Leben.
Die Stille der Bettler umfängt mich in einer schmausenden Welt.
Der junge Vogel ist ein Geschoß, vom Sturmwild getragen, im Leben betrogen.

(Auszug aus „Sonnenblicke auf der Flucht“)

Bei literarischen Texten fallen jedoch spätestens auf den zweiten Blick inhaltliche Schwächen auf. Denn so richtig Sinn ergeben die KI-generierten Geschichten meistens nicht. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann erzählt in „Mein Algorithmus und Ich“ (2021) von seinem Versuch, mit einem Algorithmus zusammenzuarbeiten. Kehlmann gibt dem Algorithmus namens „CTRL“ Sätze als Ausgangsmaterial vor, die dieser dialogisch ergänzt. Den computergenerierten Textfragmenten fehlt ein tieferer Sinnzusammenhang, um als literarisches Werk überzeugen zu können.

Wie skurril die Ergebnisse der Erstellung fiktionaler Texte sein können, zeigt der Kurzfilm „Sunspring“ von Filmemacher Oscar Sharp, dessen Drehbuch aus der Feder eines Computerprogramms namens „Benjamin“ stammt. Beispielsweise spuckt ein Protagonist ein Auge aus, um kurz darauf einen unzusammenhängenden Dialog mit seinem Gegenüber fortzusetzen.
 

Sunspring

Abbildung 3: Szene aus dem Kurzfilm „Sunspring“ © End Cue/Oscar Sharp


Aber nach welchen Kriterien können wir entscheiden, ob ein mithilfe von KI entstandenes Werk tatsächlich kreativ ist? Sollten wir wie in einer Art erweitertem Turing-Test die kreative Leistung dann anerkennen, wenn nicht mehr feststellbar ist, ob Mensch oder Maschine die Kreation hervorgebracht haben? Mit zunehmender Raffinesse der KI-Systeme würden sicherlich immer mehr Werke als „menschengemacht“ durchgehen.

In der Wissenschaft werden verschiedene Arten von Kreativität unterschieden, auf die – um den Rahmen des Beitrags nicht zu sprengen – hier nicht ausführlich eingegangen werden kann (Boden, 2016). Es lässt sich kurz zusammengefasst festhalten, dass KI-Anwendungen unter Rückgriff auf große Datenmengen besonders bei „einfacheren“ Formen von Kreativität überzeugen können. Dazu zählt die Kombination von vorhandenen Elementen oder die Imitation eines bestimmten Stils. KI stößt allerdings an ihre Grenzen, wenn es darum geht, einen vorgegebenen Konzeptraum zu verlassen und bestehende Regeln zu überschreiten. Für diese sogenannte „Transformative Kreativität“ gibt es bislang kaum gut funktionierende KI-Anwendungen.

An eine höhere, umfassende menschliche Kreativität kommen die Maschinen also (zumindest bislang) nicht heran (Lenzen, 2019). Es ist jedoch davon auszugehen, dass durch die technologischen Weiterentwicklungen und die Experimentierfreudigkeit von KI-affinen Kreativen noch viel spektakulärere Kunstwerke entstehen werden.

KI kann durch Kreative aktiv in den schöpferischen Prozess integriert werden. So setzt beispielsweise der Maler Roman Lipski KI gezielt als „digitale Muse“ ein, die ihn – basierend auf der Analyse seiner bestehenden Werke – zu neuen Gemälden im Lipski-Stil inspiriert. Lipski greift Anregungen des Algorithmus auf, nimmt den Pinsel aber weiterhin selbst in die Hand. Auch der Künstler Refik Anadol kollaboriert mit KI. Anadol greift z. B. auf Wetterdaten oder Daten von Flughäfen zurück, die er mithilfe von Algorithmen in hypnotische digitale Projektionen verwandelt:
 

 

KI kann also als Werkzeug im Kreationsprozess zum Einsatz kommen, uns inspirieren und auf neuartige Ansätze bringen. Die Kollaboration mit KI regt dazu an, Formate und Konventionen spielerisch zu hinterfragen, sie aufzubrechen und weiterzudenken. Ein großer Anteil der kreativen Leistung liegt beim Menschen, der die KI-Systeme entwirft und zu seiner Unterstützung einsetzt.


Dieser Beitrag basiert auf dem Kapitel „Kann Künstliche Intelligenz kreativ sein?“ von Lothar Laux und Lucas Laux aus dem Buch „Originell und kreativ. Vom göttlichen Funken zur Künstlichen Intelligenz“ (2022), herausgegeben von Lothar Laux, erschienen im Hogrefe Verlag.

 

Literatur

Boden, M. A. (2016). AI. Its nature and future. Oxford: Oxford University Press.

Christie‘s. (2018). Is artificial intelligence set to become art‘s next medium? https://www.christies.com/features/A-collaboration-between-two-artists-one-human-one-a-machine-9332-1.aspx

Hahn, U. (10. März 2019). Vernunft ist auch eine Herzenssache. Frankfurter Allgemeine Zeitung. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur-und-ki-vernunft-ist-auch-eine-herzenssache-16079038.html

Hübner, H. (10. Oktober 2021). Künstlich ist nicht künstlerisch. BR Klassik. https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/kritik-urauffuehrung-beethoven-10-symphonie-kuenstliche-intelligenz-computer-bonn-100.html

Kehlmann, D. (2021). Mein Algorithmus und Ich. Hamburg: Rowohlt.

Lenzen, M. (2019). Künstliche Intelligenz. Was sie kann und was uns erwartet. München: C. H.Beck.

Lucas Laux
Lucas Laux
Communication Manager
Stifterverband

Lucas Laux betreut die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des KI-Campus beim Stifterverband. Zuvor war er für mehrere Kommunikationsagenturen und einen führenden Audiosoftwarehersteller im Bereich PR tätig. Lucas Laux studierte Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin (M.A.) und an der Universität Passau (B.A.). Sein Fokus liegt auf Themen an der Schnittstelle von Technologie, Kultur und Innovation.