In 6 Schritten zu individuellen Blended-Learning-Formaten – ein Use Case der DHBW Heilbronn
Die Partnerplattform des KI-Campus bietet Lehrenden die Möglichkeit, aus dem gesamten KI-Campus-Portfolio individuelle und zielgruppengerechte Lernangebote zusammenzustellen. Wie das funktioniert, zeigen wir am Beispiel eines Kurses zu KI im wissenschaftlichen Arbeiten. Mit dem Kurs werden an der DHBW KI-Kompetenzen effektiv in ihre Schlüsselqualifikationen integriert.
Was ist die KI-Campus-Partnerplattform?
Der KI-Campus bietet nicht nur allen Interessierten eine Bandbreite an öffentlich zugänglichen Lernmaterialien zu Künstlicher Intelligenz. Seit einiger Zeit wurde mit der sogenannten Partnerplattform ein zusätzliches Angebot speziell für Lehrende geschaffen. Diese ermöglicht es, bestehende Materialien zu individuellen, zielgruppengerechten Kursen zusammenzustellen und in ein didaktisches Gesamtkonzept einzubetten, indem Materialien angepasst oder durch eigene Inhalte wie interaktive H5P-Elemente ergänzt werden.
Die erstellten Module oder Kurse können über eine LTI-Schnittstelle in Lernmanagementsysteme wie Moodle oder ILIAS integriert werden. Learning Tools Interoperability (LTI) ist eine Spezifikation, die vom IMS Global Learning Consortium entwickelt wurde. Sie stellt einen Standard zur Integration von Lernanwendungen in Lernplattformen bereit.
Das Vorgehen an der DHBW Heilbronn
Im Rahmen des KI-Campus-Hub Baden-Württemberg hat das KI-Team der DHBW Heilbronn auf der Partnerplattform eine Reihe von Lernangeboten für unterschiedliche Zielgruppen erstellt, darunter Kurse für Mitarbeitende der DHBW-Verwaltung, für Lehrende und für Studierende unterschiedlichster Studiengänge. Diese bereits erstellten Kurse sind auch für alle registrierten Lehrenden frei verfügbar.
In diesem Blogbeitrag wollen wir am Beispiel unseres Kurses zum wissenschaftlichen Arbeiten mit KI aufzeigen, welche Schritte nötig sind, um einen für sich passenden Kurs oder ein passendes Modul zu erstellen. Unser Kurs „Wissenschaftlich Arbeiten mit KI” wurde im Wintersemester 2025/26 in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum für wissenschaftliches Arbeiten an der DHBW mit über 600 Studierenden mit Hilfe eines Blended-Learning-Konzepts in verschiedenen Studiengängen und Semestern durchgeführt. Die Kompetenzerhebung zu Beginn und zum Abschluss des Kurses zeigte, dass sich die KI-Kompetenzen in einigen Bereichen signifikant verbesserten, beispielsweise in Bezug auf eine positive Einstellung und einen souveränen Umgang mit KI, aber auch in Hinblick auf ein erhöhtes Bewusstsein für mögliche Bias und Diskriminierung in KI-generierten Ausgaben.
Die folgende Abbildung zeigt die sechs Prozessschritte von der Entwicklung des Kurskonzepts bis zur Evaluation.
1. Entwicklung eines Kurskonzepts
Als inhaltliche Grundlage des Blended-Learning-Konzepts wurde zunächst ein Online-Selbstlernkurs auf der Partnerplattform des KI-Campus konzipiert und umgesetzt. In einem ersten Schritt erfolgte die Definition zielgruppenspezifischer Lernziele – in diesem Fall für Studierende – auf Basis des KI-Kompetenzmodells der Bertelsmann Stiftung. Darauf aufbauend wurde ein kohärentes didaktisches Kurskonzept entwickelt. Der an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) entwickelte Kurs „Wissenschaftlich Arbeiten mit KI“ adressiert alle sieben Kompetenzdimensionen des KI-Kompetenzmodells und legt dabei einen besonderen Schwerpunkt auf jene KI-Kompetenzen, die für den Hochschulkontext von zentraler Bedeutung sind, insbesondere rechtliche, ethische sowie anwendungsorientierte Fähigkeiten.
2. Auswahl der Lernmaterialien auf der Partnerplattform des KI-Campus
Ausgehend von den definierten Lernzielen wurden thematisch einschlägige Kurse auf der Partnerplattform des KI-Campus systematisch analysiert und geeignete Lernmaterialien (z. B. Videos, Texte, Selbsttests) mithilfe der sogenannten „Sharing Cart“-Funktion, die als zentrale Zwischenablage dient, in einen neu angelegten Kurs integriert und den entsprechenden Modulen didaktisch zugeordnet. Der Kurs „Wissenschaftlich Arbeiten mit KI“ umfasst beispielsweise drei Pflichtmodule zu den Grundlagen Künstlicher Intelligenz, zu ethischen und rechtlichen Fragestellungen sowie zur Anwendung von KI im Studium, die mit einer kleinen Befragung abschließen. Darüber hinaus werden optionale Vertiefungsmodule zur individuellen Schwerpunktsetzung angeboten.
Parallel zu diesem Auswahl- und Integrationsprozess wird das Kurskonzept kontinuierlich an die verfügbaren Materialien angepasst und iterativ weiterentwickelt.
3. Einbettung in ein didaktisches Gesamtkonzept
Die ausgewählten Lerninhalte wurden anschließend durch strukturgebende Elemente – darunter einheitliche Moduleinstiege und -abschlüsse, Abschlusstests sowie Reflexionsaufgaben – in ein kohärentes Lernarrangement eingebettet. Diese strukturgebenden Elemente basieren auf sogenannten Scaffolding-Prinzipien: Die Moduleinstiege aktivieren Vorwissen und bauen Erwartungen auf, während Reflexionsaufgaben den Transfer in den eigenen Studienkontext fördern.
Die Moduleinstiege sind dabei so gestaltet, dass sie Studierende aktiv einbeziehen, etwa durch die gezielte Abfrage von Vorwissen und individuellen Einschätzungen. Auf diese Weise wird an vorhandene Wissensbestände angeknüpft, das inhaltliche Verständnis vertieft und zugleich das Interesse an den nachfolgenden Lerninhalten gefördert. Ergänzend wurden nach einzelnen Lerneinheiten anwendungsorientierte Aufgabenformate wie Reflexionsaufgaben, Übungen und Selbsttests integriert, die der Wissenssicherung und -festigung dienen.
Die Partnerplattform des KI-Campus bietet hierfür eine breite Palette an Gestaltungs- und Erweiterungsmöglichkeiten, darunter die Erstellung und Einbindung zusätzlicher Materialien wie Texte, Bilder, Videos, interaktive H5P-Elemente oder Tests.
Der auf diese Weise konzipierte Kurs wird den Studierenden der DHBW auf ihrer vertrauten Lernplattform (Moodle) zur Verfügung gestellt. Die technische Anbindung erfolgt mittels LTI-Schnittstelle.
4. Recap-Session vor Ort oder online
Als Teil des Blended-Learning-Konzepts war es uns wichtig, den Studierenden die Möglichkeit zur inhaltlichen Vertiefung zu bieten. Der Selbstlernkurs war daher eingebunden in die Lehrveranstaltung „Wissenschaftlich Arbeiten”. In sogenannten „Recaps” mit einem zeitlichen Umfang von 2x2 oder 1x4 Unterrichtseinheiten (UE), die je nach Wunsch der Dozierenden synchron entweder in Präsenz oder online stattfanden, wurde der Fokus auf vertiefende Elemente gelegt, die in den Selbstlerneinheiten online nur bedingt umsetzbar sind: Kooperation, Kommunikation, Interaktion und Reflektion.
Insgesamt ermöglicht das entwickelte Konzept eine interaktive Gestaltung der Lehr-Lern-Arrangements durch einen vielfältigen Methoden- und Sozialformenwechsel, der Einzel-, Partner- und Gruppenarbeitsphasen kombiniert. Auf diese Weise wird insbesondere die kritische Reflexionsfähigkeit der Studierenden durch gezielt gesetzte Diskussionsanlässe gefördert.
Zur Aktivierung sowie zur Erhebung von Vorwissen und individuellen Einschätzungen kamen unter anderem Bildimpulse und digitale Umfragetools wie Mentimeter zum Einsatz (z. B. „Welche KI-Tools nutzen Sie im Studienalltag?“ oder „Welche Inhalte aus den Modulen 1–2 haben Sie besonders überrascht?“). Die Ergebnisse dienten als Grundlage für eine gemeinsame Reflexion im Plenum.
Ergänzend wurden spielerisch angelegte Wettbewerbsformate eingesetzt, etwa zum Vergleich und zur Bewertung unterschiedlicher Prompting-Strategien. Eine von den Studierenden besonders positiv aufgenommene kreative Aufgabenform bestand in der kurzen Präsentation ausgewählter KI-Tools im Rahmen eines Pitchs, der in Partnerarbeit oder in Kleingruppen erarbeitet wurde. Neben der Aktivierung der Studierenden und der Förderung von Präsentationskompetenzen bietet dieses Format den Mehrwert, dass praxisnahe Informationen und aktuelle Anwendungstipps aus der Perspektive der Studierenden selbst eingebracht werden.
Die im Verlauf der Veranstaltung erarbeiteten Ergebnisse wurden abschließend auf einem vorbereiteten Miro-Board dokumentiert, das den Studierenden auch über den Kursabschluss hinaus als Instrument der Ergebnissicherung und Nachbereitung zur Verfügung steht.
5. Durchführung des Kurses
Dieses Blended-Learning-Format wurde inzwischen in einer Reihe an Kursen an verschiedenen Standorten der DHBW entweder in Präsenz oder online durch das KI-Team durchgeführt. Durch diese direkte Integration in diverse Studiengänge haben zuletzt mehr als 660 Studierende den kuratierten Kurs als Bestandteil des Blended-Learning-Formats durchlaufen. Aktuell wird ein Multiplikator:innenprogramm entwickelt, um die Lehrenden direkt für die Durchführung des Kurses zu schulen und die Reichweite zusätzlich zu skalieren. Die Integration des Selbstlernkurses in ein bestehendes Studienangebot war hilfreich für die Akzeptanz und Durchführung des Kurses.
6. Feedback einholen und Kurse verbessern
Zum Abschluss jedes Kursdurchlaufs wurden sowohl die Lernfortschritte der Studierenden erfasst als auch anonymes Feedback zum Kurskonzept eingeholt. Dieses Feedback wird kontinuierlich ausgewertet und zur iterativen Weiterentwicklung des Kurs- und Recap-Konzepts genutzt, das nun schon über zwei Semester hinweg fortlaufend optimiert und inzwischen von mehreren Professor:innen und Lehrbeauftragten übernommen wurde. Ergänzend wird am Kursende auf das an der DHBW Heilbronn entwickelte „AIssessment“ verwiesen, mit dem Studierende ihren individuellen Stand der KI-Kompetenzen erfassen und gezielte Hinweise zur Schließung identifizierter Kompetenzlücken erhalten können.
Chancen und Herausforderungen
Die Partnerplattform bietet eine hervorragende Möglichkeit, bereits bestehende Lernmaterialien des KI-Campus zielgruppengerecht und individuell zusammenzustellen und den eigenen zeitlichen oder inhaltlichen Anforderungen entsprechend aufzubereiten.
Die Vorteile einer großen Auswahl an frei zugänglichen, qualitativ hochwertigen und aktuellen (OER-) Lernmaterialien liegen auf der Hand. Allerdings ergeben sich bei der Erstellung eigenständig zusammengestellter Kurse auch einige Herausforderungen, die man im Hinterkopf behalten sollte:
- Die Auswahl und Vielfalt der auf dem KI-Campus zur Verfügung stehenden Lernmaterialen ist enorm groß, was eine umfassende Sichtung sehr zeitintensiv macht. Eine sorgfältige Dokumentation kann hier hilfreich sein.
- Die Inhalte sind nicht immer in Hinblick auf Design, Niveau oder Zielgruppenansprache einheitlich gestaltet, was eine Nachbearbeitung nötig machen kann.
- Die einzelnen ausgewählten Elemente müssen in ein sinnvolles didaktisches Gesamtkonzept eingebettet werden. Lehrende verfügen oftmals nicht über die zeitlichen Ressourcen, um diesen Prozess selbst zu übernehmen.
Unsicherheiten im Umgang mit KI-Inhalten könnten einige Lehrende davon abhalten, die Kurse eigenständig zu erstellen und durchzuführen. Hier setzen die gut aufbereiteten Ausgangsmaterialien an und ermöglichen insbesondere im Grundlagenbereich einen niedrigschwelligen Einstieg. An der DHBW Heilbronn konnten diese Herausforderungen durch das interdisziplinäre KI-Team adressiert werden, welches die Erstellung der Kurse und die Durchführung der Blended-Learning-Formate übernimmt und damit Lehrende zeitlich und inhaltlich entlastet. Mithilfe der Partnerplattform konnte das KI-Team mehrere Hundert Studierende, Lehrende und Mitarbeitende mit zielgruppenspezifischen Kursen erreichen und deren KI-Kompetenzen nachhaltig ausbauen. Es hat sich in unserer Erfahrung gezeigt, dass der KI-Campus mit seiner Partnerplattform den Lehrenden eine leistungsfähige OER-Plattform bietet, die die Entwicklung nachhaltiger, skalierbarer und qualitativ hochwertiger KI-Qualifizierungsangebote im Hochschulkontext wirksam unterstützen kann.
Laura Boulard ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der DHBW Heilbronn und Teil des dortigen KI-Teams und arbeitet zusätzlich als Gymnasiallehrerin mit den Fächern Englisch, Philosophie und Französisch in Hamburg.
Dr. Britta Lintfert leitet die Bildungsforschung mit dem Schwerpunkt KI an der DHBW Heilbronn und verantwortet die Erstellung von KI-Kursen und Konzepten und deren curricularen Verankerung an der DHBW. Sie ist promovierte Linguistin.
Milena Stegner promoviert zum Thema Chatbots als Freund:innenersatz an der Universität Freiburg, war Future Scout für generative KI für den Stifterverband und die Reinhard-Frank Stiftung und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der DHBW Heilbronn. Als Teil des KI-Teams Heilbronn ist sie vor allem für die Erstellung von KI-Kursen für Studierende, Lehrende und Mitarbeitende zuständig.
Julia Thomale ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der DHBW Heilbronn. Als Teil des KI-Teams ist sie für die Entwicklung von KI-Kursen für Studierende, Lehrende und Mitarbeitende verantwortlich.